Vorwort

Textprobe

Dieses Buch widmen wir all den vielen Frauen, die immer für andere da sein wollen - den "Braven Töchtern".

Was wir unter einer Braven Tochter verstehen, ist vielschichtig. Dazu gehört mehr, als brav, lieb, angepasst und unauffällig sein im Sinne des deutschen: "Sei schön brav!" Dazu gehört vor allem, tüchtig zu sein. Diesen Aspekt bringt etwa das italienische "Che brava!" zum Ausdruck, mit dem eine italienische Mamma ihre kleine Tochter lobt, die ganz alleine eine schwere Schüssel voll Spaghetti aus der Küche ins Esszimmer trägt: "Bist du tüchtig!" Und im englischen Wort "brave" = "mutig" ist dieser Aspekt auch enthalten. Bei der Lektüre dieses Buches werden Ihnen die zahlreichen Facetten des "Bravseins" der Braven Töchter deutlich werden.

Brave Töchter gibt es in allen Altersstufen. Manche sehen sich selbst als Brave Tochter. Manche würden nie auf die Idee kommen, sie seien ein Brave Tochter, und doch gehören sie zu dieser weit verbreiteten "Spezies". Manche von ihnen sind innerlich und oft auch äußerlich schon weite Wege gegangen und sind sie im Kern dennoch Brave Töchter geblieben. Bei allen Unterschieden, etwas Gemeinsames hat ihr Leben oft in starkem Maße geprägt. Was da im Hintergrund wirkt, das ist ein Thema dieses Buches. Außerdem wird es um die Frage gehen, wie gegen alle Widerstände Veränderung möglich ist.

Seit vielen Jahren leiten wir Wochenendseminare mit Familienaufstellungen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind meist Frauen und Männer, die mitten im Leben stehen, nur in Ausnahmefällen ernsthaft krank oder extrem psychisch belastet. Die meisten kommen mit Anliegen bezüglich ihrer Partnerschaft, oder sie möchten zu ihrem Vater oder ihrer Mutter etwas in Ordnung bringen, was nicht gut ist.

Im Laufe unserer Arbeit an diesen ganz "normalen" Themen sind wir immer wieder auf eine ganz besondere Dynamik gestoßen, für die wir den Begriff Brave-Tochter-Syndrom geprägt haben. Den Begriff "Syndrom" haben wir ganz bewusst gewählt: Bei dieser Dynamik handelt es sich um ein sehr komplexes Phänomen, dessen Wurzeln nicht auf den ersten und oft auch nicht auf den zweiten Blick erkennbar sind; es ist auch nicht so leicht, die belastenden Symptome los zu werden. Viele Brave Töchter stehen so unter Leidensdruck, dass sie sich als krank erleben, und es gelingt ihnen selten, trotz vieler Bemühungen, ihre Probleme ohne professionelle Hilfe "in den Griff" zu bekommen. Andererseits: Es gibt auch viele "leichtere Fälle"; manchen Braven Töchtern geht es sogar ihr Leben lang gut.

Auch außerhalb unserer Seminare begegnet uns diese Thematik häufig: mir, Manfred Scherrmann, in meiner Praxis für systemische Lösungen, meiner Frau Beate Scherrmann-Gerstetter in ihrem Beruf als Ehe-, Familien- und Lebensberaterin in einer Beratungsstelle. Zu uns kommen Frauen fast jeden Alters, berufstätig oder "Nur"-Hausfrauen, allein stehend oder verheiratet, mit Kindern oder ohne Kinder, die an einem Punkt angekommen sind, an dem es für sie nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Sie fühlen sich überfordert, belastet, eingeengt, niedergeschlagen, unzufrieden. Manchmal gibt es einen klar erkennbaren Auslöser dafür, dass sie Hilfe suchen, etwa wenn der Ehemann sich in eine andere Frau verliebt hat. Meist aber ist ihre Lebenssituation recht unspektakulär, und deshalb verstehen weder die Frauen selber noch ihre Umgebung, warum sie das Gefühl haben, sie befinden sich in einer Sackgasse.

Wenn von uns bei der Betrachtung ihrer Lebensgeschichte dann der Begriff des Brave-Tochter-Syndroms eingeführt wird, so ist das oft für sie wie eine Erleuchtung. Sie sind froh, endlich einen Namen für das zu haben, was sie so belastet. Und - was noch wichtiger ist - damit bekommen sie auch eine Vorstellung von dem, was sie tun können, um ihr Syndrom zu überwinden und frei zu werden für mehr Eigenes. Denn dass es darum im Grunde geht, leuchtet den meisten Frauen unmittelbar ein.

Das Eigene kann gelingen, wenn wir das Nicht-Eigene dort lassen können, wo es hingehört: zur Mutter, zum Vater, zu dem Partner, der Partnerin oder einem früheren Partner. Das ist nicht immer leicht. Viele gehen in eine harte Lebensschule, und Umwege und Sackgassen gehören dazu. Was das Leben mit uns macht, ist unserem Verstehen nur beschränkt zugänglich. Hinter den Zaun zu schauen, könnte neue Perspektiven ermöglichen. Die Kunst, das eigene Leben neu sehen zu lernen, weg zu kommen von einer sich immer wiederholenden, einengenden Wirklichkeitskonstruktion, bringt uns in Bewegung, innen und außen.

Durch unseren Blick speziell auf diese Dynamik haben wir in unseren Seminaren und in unserer beraterischen und therapeutischen Arbeit viele einzelne Facetten des Brave-Tochter-Syndroms wahrgenommen, und auch die eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen ergänzten das Bild: meine Frau ist eine Brave Tochter. Daher konnten wir auch privat häufig Erfahrungen mit dieser Dynamik machen, und viele Gespräche darüber haben uns bereichert.

Für Männer könnte dieses Buch ebenfalls von Interesse sein, besonders für Ehemänner, die mit einer Braven Tochter verheiratet sind. Sie werden ihre Frau besser verstehen, und möglicherweise können sie auch ihren Teil dazu beitragen, dass Spannungen im Zusammenleben weniger werden. Zudem gibt es auch das Brave-Sohn-Syndrom. Doch manches ist bei Männern anders, bedingt durch die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Erziehungsziele und Rollenerwartungen.

Meiner Frau bin ich sehr dankbar für ihre Bereitschaft, dieses Buch zusammen mit mir auf den Weg zu bringen. Da es nichts Vergleichbares gibt, musste es endlich - im Interesse der vielen fragenden und suchenden Frauen - geschrieben werden. Uns gemeinsam dieser Aufgabe zu stellen, war für uns spannend, anregend, herausfordernd und voller Entdeckungen. Die Teile 3 und 6 stammen von mir, alle anderen Teile von meiner Frau. Nur sie konnte als Brave Tochter die Innensicht kompetent darstellen.

Unser Dank gilt besonders den vielen Braven Töchtern unter unseren Klientinnen und Seminarteilnehmerinnen, die uns gelehrt haben, sie besser zu verstehen. Durch die Arbeit mit ihnen hat sich unser Verständnis für ihre besondere Thematik erweitert und vertieft. Sie haben als Brave Töchter Erfahrungen gesammelt, ohne die dieses Buch nicht hätte geschrieben werden können. Soweit ihre Erfahrungen in unsere vielen Beispiele eingeflossen sind, wurden diese so verfremdet, dass die Privatsphäre geschützt bleibt.

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern, allen persönlich Betroffenen und allen beruflich mit Braven Töchtern Befassten eine anregende Lektüre mit vielen Aha-Erlebnissen. Wenn das Buch dazu beiträgt, Neues auszuprobieren und Altes zu lassen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

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